Schattensprung von Barbara Kühnlenz

Nur einmal noch wollte sie aus dem Fenster blicken, nur einmal noch wollte sie ihn sehen. Ihre Blicke durchbohrten förmlich das Fensterglas, aber es barst nicht. Auf ihrer Haut fühlte sie seine Zärtlichkeit, aber es war nur eine Sinnestäuschung. Stattdessen schlenderte er mit Isabell Arm in Arm über den Hof. Sie blieben vor der Durchfahrt stehen und küssten sich. Wie von der Tarantel gestochen, sprang Melanie vom Fenster zurück und warf sich aufs Bett. Darum also hatte Jo die Tür nicht geöffnet. Isabell trieb es wieder mit ihm. Das war also die Andere, die er gemeint hatte. Ihr traute sie es sogar zu. Innerlich flehte sie: „Jo, warum tust du mir das an. Du bist doch alles, was ich will.“ Sie fühlte sich zu kraftlos, um jetzt zu ihren Eltern zu fahren.
Morgen. Ja, morgen war auch noch ein Tag. Da schrillte die Klingel. Johannes! Ganz sicher ist es Jo.
Sie flitzte zur Wohnungstür, öffnete voll Freude und empfing die vorwurfvollen Blicke ihrer Eltern.
Die Stimme ihrer Mutter zerriss Melanies Sprachlosigkeit „Stimmt das? Das mit ihm sei vorbei, sagte dieser
Johannes. Du würdest es jetzt mit einem Andreas treiben?“ „Ist das eine Art! Erst dieser Hungerleider“, wetterte der Vater los. „Bitte, Rudi!“ „Nein, Else, nein. Das geht zu weit.“ „Kommt doch erst mal rein. Da können wir in Ruhe über alles reden“, bat Melanie. Ihre Mutter befolgte die Bitte und zog den Vater mit in
den Flur. Melanie schloss die Tür, drehte sich zur Mutter, um ihr aus dem Mantel zu helfen, aber ihr Vater protestierte: „Nein, Else, hier bleiben wir nicht, bei diesem, diesem Flittchen.“ Mutiger geworden bekräftigte er: „Jawohl, Flittchen! Springt von einem Bett ins andere, von einem Tunichtgut zum nächsten. Aus! Mit so einer wollen wir nichts mehr tun haben!“ „Rudi versündige dich nicht, sie ist unsere einzige Tochter.“
„Pappalapapp, Tochter. Das ist nicht mehr unsere Tochter. Komm, Else!“ Er drehte sich um, riss die Tür
auf, so dass sie gegen die Wand krachte, und zerrte die widerstrebende Mutter mit sich. Melanie wollte das Missverständnis aufklären, aber ihre Eltern stiegen bereits die Treppe hinunter. Sie hörte noch ihre Mutter aufbegehren: „Rudi, Rudi, warte. Das kannst du doch nicht machen!“ Melanie rannte zum Treppengeländer. Eine halbe Treppe tiefer schaute ihre Mutter zu ihr hoch und ihre Blicke trafen sich. Die Mutter schüttelte nur den Kopf. Ehe Melanie beteuern konnte, dass alles nur ein Irrtum sei, vernahm sie schon die Absätze von den Schuhen ihrer Mutter abwärts klapperten. Bald endete auch dieses Geräusch.
Melanie schwankte in ihr Zimmer zurück und warf sich auf das großflächige Bett. Sie weinte und weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte. Der Verrat von Jo und Isabell traf sie schon tief. Aber die Worte ihres Vaters dröhnten wie laute Paukenschläge in ihren Ohren. „Flittchen. Flittchen. Flittchen. Nicht mehr unsere Tochter.“ Und das von ihrem Paps, der immer stolz auf sie war; Stolz auf sie, weil sie die zehnte Klasse mit Bestnote abgeschlossen hatte. Stolz auf sie, weil sie den Facharbeiterbrief als Laborantin mit demselben Ergebnis erhalten hatte. Stolz auf sie, weil sie bereits nach einem Jahr ihrer Tätigkeit im Blutspendeinstitut –Berlin am 11. Dezember, dem Tag des Gesundheitswesens, wegen ihrer vorbildlichen Arbeitseinstellung mit einer Prämie geehrt worden war. Von dem Stolz auf sie, schien nichts mehr in ihrem Vater geblieben zu sein, nur noch Enttäuschung. Wegen Johannes. Wegen ihrer scheinbar neuen Beziehung.
Wohin konnte sie jetzt noch gehen?

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